Groß, bunt, kreativ: Alexander Lech vom Designbüro BÜROHALLO in Dessau-Roßlau plant ein Mural Festival für seine Stadt. Im Austausch mit den Einwohnerinnen und Einwohnern sollen unter dem Titel „Stadtbild“ riesige künstlerische Wandbilder entstehen. Wie das funktionieren kann, warum ihm die Beteiligung der Menschen wichtig ist und wann das erste Mural zu sehen sein könnte, erzählt der Designer im Interview.
Holen Sie uns bitte kurz ins Boot: Was genau ist ein Mural Festival?
Alexander Lech: Es ist kein Festival im klassischen Sinne. Es geht nicht darum, dass an einem Wochenende viele Menschen kommen, ihre Zelte aufschlagen und dann Murals entstehen. Festival steht hier eher für die Bedeutung „Feiertage“. Menschen sollen künftig wegen dieser Murals verstärkt nach Dessau kommen – als neuer Magnet für die Stadt. Und auch die Entstehung des Murals soll gefeiert werden. Die Baustelle wird nicht als Baustelle begriffen, sondern als Ort der Zusammenkunft und des Austauschs. Wenn so ein Mural entsteht, können Menschen vorbeikommen, stehenbleiben und ins Gespräch kommen.
Warum liegen Ihnen persönlich gerade Murals am Herzen?
Ich bin als Teenager über die Hip-Hop-Kultur zum Graffiti gekommen. Daher habe ich diese Affinität zur Wandgestaltung.
Woher kam die Idee, so etwas in Dessau-Roßlau zu etablieren?
Ich kenne Murals schon länger. 2015 bin ich bei einem Urlaub in Danzig mit der Straßenbahn an die Stadtränder gefahren, um zu sehen, wie die Menschen außerhalb des Zentrums leben. In einem Stadtbezirk standen 12-Geschosser, deren Giebel alle mit großen Wandbildern gestaltet waren. Das war kein Graffiti, sondern Fassadenkunst mit einer sehr jungen Bildsprache. Der subkulturelle Hintergrund war zu erkennen, umgesetzt wurde aber mit Fassadenfarbe, Rolle und vor allem mit Technik, sodass die Illustrationen in dieser Dimension und in vernünftigen Proportionen auf die Wände übertragen werden konnten. Das hat mich sehr beeindruckt. Es war cool und sehr international – von der Ausdrucksweise über die Geschichten bis zur Vielfalt. Jeder Giebel war von einem anderen Künstler oder einer anderen Künstlerin aus verschiedenen Ländern gestaltet.
Etwas gut zu finden und selbst etwas auf die Beine zu stellen, ist allerdings ein großer Schritt. Warum engagieren Sie sich dafür?
Ich denke als Gestalter in vielen Facetten. Es gibt viele Probleme auf dieser Welt, die man mit Gestaltung besser machen kann. Und es gibt Situationen in unserem Leben, die man gestalten kann. Hierbei spielt sicher auch mein Graffiti-Hintergrund eine Rolle, und dass ich als Designer in Dessau die Stadt mitgestalten möchte. Ich versuche immer, Mangel entgegenzuwirken.
Welchem Mangel möchten Sie mit dem Mural Festival entgegenwirken?
Dessau ist eine überalterte, schrumpfende Stadt. Trotzdem ist sie schön und hat viele Chancen. Diese Potenziale können wir sichtbar machen. Darin verstehe ich meine Projektideen. Ich suche immer nach Lösungen, die die Stadt aus meiner Perspektive nach vorn bringen könnten. Die gleiche ich mit den Perspektiven anderer Menschen ab. Und ich schaue, was in anderen Städten passiert. Mural Festivals gibt es seit vielen Jahren. In Wittenberg beispielsweise findet so etwas seit 2014 statt. Beim KURA Festival sind zwischen 2014 und 2018 mehr als 20 Murals entstanden. Oder nehmen wir nur Zaspa, das ist ein Stadtteil von Danzig, wo Murals von Künstlerinnen und Künstlern mit unterschiedlichsten Hintergründen zu sehen sind.
Was soll bei den Murals in Dessau-Roßlau anders sein?
Es geht darum, Identität zu stiften und Geschichten zu erzählen – aber nicht losgelöst vom Kontext. Ich glaube, dass sich Geschichten finden lassen, mit denen sich Anwohnerinnen und Anwohner identifizieren können. Wenn man mit den Menschen spricht, kommt man schnell auf authentische Themen. Es gibt so viele Geschichten. Man muss nur daran denken, dass Menschen in den Genossenschaften teilweise selbst am Aufbau beteiligt waren – Garagen gebaut oder Subbotniks veranstaltet haben. Das Alleinstellungsmerkmal für Dessau soll durch die Beteiligung der Bevölkerung entstehen. Ich möchte in die Einwohnerschaft hineintragen, was auf diesen Wänden sein soll. Wir möchten Geschichten über die Orte hören – am liebsten persönliche oder solche, die eine Gemeinschaft betreffen. Die Menschen, die dort leben, wissen sofort etwas damit anzufangen. So ist der Ort codiert und aufgeladen, und das kommuniziert sich dann von selbst.
Wie kann man sich an diesem Prozess beteiligen?
Ich lade jeden ein, der Lust dazu hat. Wenn es speziell um einen Giebel geht, geht es natürlich vor allem um die Menschen, die in diesem Haus leben. Am liebsten würde ich mit ihnen gemeinsam die Ideen in einem Workshop sammeln.
Wer steckt hinter dem Mural Festival? Und wo könnten die Bilder entstehen?
Ich bin der Initiator und arbeite mit einem Team. In Dessau gibt es bereits Wandbilder, die meisten sind allerdings klassische Graffiti-Aufträge. Das ist nicht das, was mir vorschwebt. Als Gestalter habe ich festgestellt, dass es hier sehr viele Brandwände gibt. Teilweise sind das noch Baulücken als Folge des Zweiten Weltkriegs. Viele Häuser stehen schon lange leer. Auch die Giebel von mehrgeschossigen Häusern laden förmlich dazu ein, Murals aufzubringen. Ich gucke auf diese Wände. Und die gucken mich auch an. Die Wohnungsgenossenschaft Dessau hat uns drei Fassaden für erste Murals angeboten, darunter einen Giebel eines Plattenbaus mitten in der Innenstadt. Weitere haben wir in Aussicht.
Wie laufen die Planungen?
Wir bauen zurzeit eine Trägerstruktur auf und beantragen Fördermittel für ein erstes Wandbild. Ziel ist, für jede Fassade eine Künstlerin oder einen Künstler zu gewinnen. Es soll sich möglichst nichts wiederholen. Die Bilder sollen eher eine Kollektion aus vielen künstlerischen Perspektiven bilden, so wie es auch bei Mural Festivals in anderen Städten weltweit ist.
Stehen Sie im Kontakt mit vergleichbaren Projekten?
Ich habe viele Kontakte zu anderen Mural Festivals. Mein Vorbild ist das in Stuttgart, wo Gestalter mit Graffiti-Hintergrund Kultur und Subkultur verknüpfen und es wunderbar schaffen, das auch zu erzählen und zu kuratieren. Die liefern Qualität auf internationalem Niveau. Ich bin gut vernetzt und kann auf einen großen Künstlerinnen- und Künstlerpool zurückgreifen. Ein sehr wertvoller Kontakt besteht auch nach Chemnitz, wo im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres ein großes Mural-Projekt umgesetzt wurde. Dort sind mehr als zehn Murals entstanden, dazu gab es eine große Ausstellung in der Markthalle, die 30.000 Menschen gesehen haben. Wenn wir die Möglichkeit bekommen, könnten wir – wenn auch kleiner – etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Ich sehe mit der Bundesgartenschau, die in neun Jahren hier stattfinden soll, eine große Chance.
Brauchen Sie noch Unterstützung?
Auf jeden Fall. Immer!
Wann könnte man das erste Mural in Dessau-Roßlau sehen?
Ich bin optimistisch, dass wir im März 2027 das erste Bild an sehr prominenter Stelle sehen werden – an der Ortseinfahrt von der A9, die sich direkt ins Stadtbild einfügt. Der Ort ist extrem aufgeladen mit Geschichte. Dort standen einst das Schloss und die Reitställe. Und die Bauhaus-Künstler hatten dort ihre ersten Werkstätten, als das Bauhaus noch gebaut wurde.
Alexander Lech ist Kommunikationsdesigner, hat in Dessau-Roßlau studiert und hier 2012 das BÜROHALLO gegründet. Mural Festivals verbinden großflächige Wandmalerei mit Kunst, Stadtentwicklung und öffentlichem Raum. Die Werke entstehen häufig an Fassaden und Brandwänden und werden von Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Ländern gestaltet.