Das Cross-Innovation-Netzwerk „Zweitblick“ macht Geschichte erlebbar. Kreative Köpfe holen mit modernster Technologie längst verschwundene Gebäude, Stadtbilder und das Leben vergangener Zeiten zurück – und lassen Menschen darin eintauchen.

Wie sahen die Städte damals aus? Die glanzvollen Metropolen? Die Kirchen und Dome? Die engen Gassen der Armenviertel? Ein Zusammenschluss kreativer Sachsen-Anhalter kann heute sichtbar machen, was gestern war: Das Projekt „Zweitblick“ lässt frühere Welten mit den Mitteln der Zukunft wieder auferstehen. Aus historischen Fotos, Zeichnungen, Plänen und Forschungsergebnissen entstehen am Computer aus Tausenden Datenpunkten ganze Gebäude, Straßenzüge und Stadtviertel. Stein für Stein, Pixel für Pixel. „Zweitblick“ ist ein Team Magdeburger Kreativschaffender mit unterschiedlicher Expertise. Gemeinsam machen sie digital wieder erlebbar, was durch Kriege, Zeit und Naturkatastrophen verloren ging. Doch sie wollen noch mehr: Das Lebensgefühl von einst, die Atmosphäre und den Zeitgeist sollen sichtbar und begreifbar werden. Den Anschub dafür erhält das interdisziplinäre Netzwerk von CROSS INNOVATION, dem Förderprogramm, mit dem das Land Sachsen-Anhalt und die Europäische Union branchenübergreifende Innovationsnetzwerke fördern, damit innovative Projekte realisiert werden können. Für Matthias Scholz (Filmproduktion, AR- und VR-Anwendungen), Mike Lederer (Design), Maximilian Huhle (Webentwicklung), Georg Rieger (Markenstrategie) und Historikerin Julia Saborowski ist das eine perfekte Grundlage.

Durch die AR-Brille wird eine Vision lebendig.

Am Beispiel des Magdeburger Johanniskirchviertels präsentiert das „Zweitblick“-Team, was mit dem System möglich ist, das es entwickelt hat. Beim Blick durch die AR-Brille wird eine Vision lebendig: Der virtuelle Blick in die Vergangenheit zeigt Straßenszenen rund um die Kirche, flanierende Menschen, vorbeiziehende Wagen, die Umgebung erwachen zum Leben. Die Basis sind umfangreiche Recherchen, Forschungen und Gespräche. Fast 1.000 Menschen leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem kleinen Areal rund um die Kirche. Im einstigen Viertel im Herzen der Magdeburger Altstadt mit zahlreichen Wohnhäusern, einem populären Gasthof, einer Brauerei, Verwaltungsbauten und einem Fleischmarkt pulsiert damals das Leben. Im Januar 1945 wird das Viertel bei Luftangriffen komplett zerstört. Einzig die Johanniskirche und das Alte Rathaus bleiben erhalten. Der Rest scheint verloren.

CROSS INNOVATION befördert innovativen Ansatz.

Hier setzt „Zweitblick“ an: Technologie trifft Geschichte und Vision trifft Handwerk. Als das Team von CROSS INNOVATION erfährt, wird die Idee sofort konkret. Die Filmproduktion von Matthias Scholz arbeitet seit Langem mit Augmented und Virtual Reality (AR/VR), AR-Apps und Human Holograms – also lebensechten, digitalen Darstellungen von Menschen in realer Umgebung. Diese Technologien nutzt das Netzwerk nun, um das Viertel samt Lebenswelt in unsere Zeit zu „beamen“. „Wir waren von Anfang an voller Tatendrang“, erinnert sich Scholz. Gemeinsam erarbeiten sie ein Ideenpapier und definieren den Kern: „Im Zentrum steht für uns das Menschliche – die Gebäude, aber auch die Kultur dahinter.“ „Zweitblick“ rekonstruiert Häuser und Kulissen nicht nur anhand von Baugeschichte, Bewohnerberichten, historischen Fotos und Filmen. Das Projekt geht weiter: Zeitzeugen kommen zu Wort. Im hauseigenen Greenscreen-Studio sprechen echte Menschen Monologe ein, die anschließend als virtuelle AR-Hologramme in die digitale Szenerie eingebettet werden. So entsteht Stück für Stück ein umfangreiches, webbasiertes Erlebnis – das ohne App-Download funktioniert. Konzeption, Recherche, technische Umsetzung und Webauftritt erfolgen komplett in Eigenregie. Alle Beteiligten bringen langjährige kreative und wirtschaftliche Erfahrung mit. „Wenn wir zusammensitzen, sprüht es nur vor Ideen“, sagt Scholz. Die Gruppe eint nicht nur das Ziel der idealen technischen Umsetzung, auch die ästhetische Qualität soll bis ins Detail stimmen. Die ersten Inhalte sollen innerhalb eines Jahres fertig sein – so angelegt, dass auch Gamification-Elemente Platz finden. Dann könnten Nutzer mit der AR-Brille Entscheidungen treffen, Rätsel lösen oder mehr über Stadtgeschichte, Bewohner und Lebenswelten erfahren.

Innovatives System prägt die Zukunft der Erinnerungskultur.

Die Einsatzmöglichkeiten des „Zweitblick“-Systems wachsen stetig. Museen, Schulen, Tourismus – überall lassen sich die liebevoll gestalteten, modern inszenierten Szenen nutzen. Darüber hinaus möchte das Projekt zum kollektiven Gedächtnis zerstörter Städte beitragen, indem verlorene Stadtbilder und Soziokultur als prägende Bezugspunkte inszeniert werden.

Der erste Meilenstein ist erreicht: Die technischen Parameter stehen. „Wir wachsen mit dem Projekt“, sagt Scholz. Mit Unterstützung von CROSS INNOVATION entsteht so ein tragfähiges Geschäftsmodell, das später deutschlandweit zum Einsatz kommen könnte. Vielleicht ist dies der Beginn einer großen Reise. Zurück in die Vergangenheit und zugleich in die Zukunft.

Kontakt:

Matthias Scholz, An der Ölmühle 8, 39114 Magdeburg, info@zweit-blick.com
www.zweit-blick.com

Hintergrund: CROSS INNOVATION ist ein Förderschwerpunkt der Programmfamilien DIGITAL AND CREATIVE ECONOMY. Das Land Sachsen-Anhalt und die Europäische Union (EU) haben seit 2015 in mehreren Runden branchenübergreifende Innovationsnetzwerke unterstützt – von digitalen Vermittlungsplattformen bis hin zu gestalterischen Material-Innovationen im Handwerk. Teilnehmende Netzwerke erhalten im laufenden Verfahren Beratung durch die Investitionsbank Sachsen-Anhalt, Hinweise zu Finanzierungsfragen sowie Zugang zu einem halbtäglichen Workshop zur Antragsvorbereitung.