Kai Krause ist Mitgründer der Magdeburger Werbeagentur FORMFLUT und bewegt sich seit zehn Jahren in zwei Welten zwischen Auftragskommunikation und freier Kunst. Der Wunsch, enger und persönlicher mit Kundinnen und Kunden zusammenzuarbeiten, hat ihn dazu gebracht, sich vom klassischen Agenturalltag zu lösen. Aus dieser Entscheidung entwickelte sich ein Zwei-Personen-Studio, das ohne Rahmenverträge arbeitet, projektweise denkt und lieber flexibel bleibt, statt auf Wachstum um jeden Preis zu setzen. Parallel dazu hat er sich in den vergangenen Jahren ein eigenes künstlerisches Standbein aufgebaut – mit Atelier, Galerieerfahrungen und Malerei, die er klar vom Agenturalltag trennt.
Im Gespräch erzählt Kai Krause, warum für ihn Kunst und Agentur zwei Seiten derselben kreativen Energie sind und weshalb FORMFLUT-Kundschaft eher als Partnerinnen und Partner versteht und Projekte nur annimmt, wenn Ehrlichkeit und Augenhöhe stimmen. Es geht um Kulturaufträge, Generationsunterschiede und darum, welche Verantwortung Kreative in Sachsen-Anhalt für ihre Szene und neue Projekte übernehmen können.
Wie kam es dazu, dass dein Kollege David Niedermeier und du euch zusammengeschlossen habt? Was hat euch motiviert, FORMFLUT zu gründen?
Kai Krause: Wir haben die Agentur gegründet, weil wir überzeugt waren, dass wir das auch allein und vor allem flexibler als andere können. Ich habe es gehasst, freitags bis 17 Uhr im Büro zu sitzen, wenn eigentlich nichts mehr passiert. Die Ehrlichkeit zu sagen: „Wir sind fertig für heute, es kommt kein Anruf mehr, lass uns Feierabend machen“, war ein wichtiger Grund, warum ich gründen wollte. Nun kann ich entscheiden, ob ich das Thema heute noch fertig mache, bis 20 Uhr arbeite oder zu Hause weitermache. Mir war früh klar, dass man nur durch eigenes Engagement etwas nach vorne bringt und erfolgreich werden kann.
Natürlich spielt auch das eigene Ego eine Rolle. Wenn man das Gefühl hat, gut mit Kunden zu können, möchte man das Ergebnis auch selbst präsentieren und erklären, was man sich dabei gedacht hat. In unseren vorherigen Jobs haben wir zwar gestaltet, aber selten direkt mit den Kunden gesprochen. Wir haben die Aufgaben über das Projektmanagement bekommen und auch wieder dorthin zurückgegeben. Emotionales Feedback vom Kunden selbst haben wir nie bekommen. Das war der zweite, fast noch wichtigere Grund.
Mit der Selbstständigkeit kamen viele Hürden auf uns zu, von denen wir vorher nichts wussten. Ich konnte beispielsweise nichts mit einer Steuererklärung anfangen, aber dafür gibt‘s ja Leute, die einen unterstützen können. Und tatsächlich fand ich es dann auch gar nicht mehr so schwer, als ich es einmal durchgezogen habe. Wenn man das will, dann schafft man es auch.
Warum habt ihr eure Agentur in Magdeburg gegründet?
Ich bin aus Berlin und Hildesheim nach Magdeburg zurückgekommen für die Familie, den Fußballverein und die Freundin. Gleichzeitig wusste ich, was ich hier habe: Entwicklungschancen und die Möglichkeit, selbst etwas anpacken zu können. Warum in Berlin das nächste Start-up gründen, wenn man in Magdeburg die Konkurrenz kennt und das Gefühl hat: Hier kann ich das auch gut hinkriegen und etwas anpacken? Heute, nach zehn Jahren, sind wir eine recht gesetzte Agentur. In den Bereichen, in denen wir arbeiten, kennt man uns in Magdeburg. In Berlin wäre das vermutlich anders, wenn du nicht in einer Riesenagentur mit 50 Leuten sitzt, bist du schneller raus. Mir war wichtig, ein eigenes Standing in der Stadt und in meinem Bereich aufzubauen. Und Magdeburg ist, lokal betrachtet, so etwas wie ein Nabel Deutschlands: Man ist von hier aus schnell überall.
Wie lässt sich die Kernphilosophie von FORMFLUT in einem Satz zusammenfassen?
Wir arbeiten ohne Rahmenverträge, immer kunden- und projekteweise. Das zeichnet uns aus: Wir sind sehr flexibel. Dadurch haben wir keinen klassischen festen Kundenstamm und bedienen keine klar abgegrenzte Branche. So spüren wir bei neuen Projekten immer wieder dieses Feuer. Man kann uns nicht in eine Schublade stecken, weil wir immer in neuen Projekten denken. Genau das macht unsere Arbeit spannend. Egal ob beruflich oder privat: Wenn ein Projekt ansteht, ist es etwas, das Menschen bewegt. Das ist für mich entscheidend, darum habe ich Spaß daran. Ich denke grundsätzlich in Projekten, sei es im Agenturalltag oder beim Malen.
Was unterscheidet euch von anderen Full Service Agenturen in Sachsen-Anhalt?
Wir machen nicht „nur“ Web- oder Logo-Gestaltung. Wir hören uns Anfragen erst einmal an und suchen dann nach einer passenden Lösung. Wenn wir merken, dass wir zu klein für ein Vorhaben sind, sagen wir das offen. Meistens kennen wir jemanden im Netzwerk, den wir empfehlen können. Man darf nichts auf Krampf durchdrücken. Ehrlichkeit ist entscheidend. Man gibt dann nicht vor, jemand zu sein, der man nicht ist. Und das ist, glaube ich, etwas, was die Kunden an uns schätzen.
Wie vereinst du deine Kunst mit der Agentur? Läuft beides Hand in Hand oder trennst du strikt?
Die Kunden wissen, dass ich Kunst mache und finden das toll. Wir laden sie manchmal zu Vernissagen ein. Die Kunst ist unser Safe Space, die Firma unser gemeinsames Ding. Die Kunst hat viel mit persönlichen Ehrgeiz zu tun. Darum trennen wir beides. Ich male in erster Linie für mich und niemand anderen. Ich habe keinen Kunden im Kopf, dem ich jetzt irgendein Bild verkaufen wollen würde. Ich würde niemandem etwas aufquatschen, weder in der Agentur noch im Kunstbereich.
Was wünschst du dir für die Kreativwirtschaft in Sachsen-Anhalt?
Ich wünsche mir, dass wir uns häufiger zusammensetzen, Insights und Dinge teilen, die hilfreich für beide Seiten sein könnten. Es ist meistens besser, gemeinsam zu überlegen, wie man Projekte schneller und besser nach vorne bringt. Und auch Akzeptanz halte ich für wichtig. Nur, wenn man versteht, was der andere macht, kann man auch gemeinsam verstehen, wohin die Reise gehen soll. Wir bewegen uns momentan leider noch sehr stark in unseren eigenen Bereichen und Bubbles. So schön kleine Festivals auch sind, sie finden häufig innerhalb dieser Bubbles statt. Da fehlt der Austausch über die Bereiche hinweg.
Wenn du heute neu kreativ starten könntest: Was würdest du anders machen?
Vieles im Kommunikativen. Also, wie man mit Menschen spricht, und wie man versucht, das eigene Thema rüberzubringen. Das ist etwas, bei dem man nie auslernt. Früher war ich der Typ, der sich in der letzten Reihe eher ruhig hält. Ruhig bin ich immer noch, aber ich habe gemerkt: Es hilft, auch mal nach vorne zu gehen. Ansonsten bin ich froh, dass wir zu zweit sind. Auch heute würde ich nicht mit deutlich mehr Leuten gründen. Vielleicht würde ich manches mutiger pushen, was ich mich damals noch nicht getraut habe. Aber im Großen und Ganzen bin ich mit den zehn Jahren sehr zufrieden.
Wo siehst du dich, deine Kunst und auch deine Agentur in den nächsten fünf Jahren?
Mein Traum ist es, sehr frei und eher ländlich zu leben, wo auch immer das am Ende sein könnte. Von dort aus möchte ich neue Projekte starten. Ich möchte flexibel arbeiten können, ohne fest an einen Ort gebunden zu sein. Die Agentur von heute auf morgen aufzugeben, kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber ich würde mich gerne weniger lokal auf einen Ort fixieren. Ideal wäre für mich, flexibel zu sein, von der Stadt, vom Land, vom Meer – von überall – Projekte umzusetzen. Ich könnte mir vorstellen, weiter Agenturprojekte zu bearbeiten, mich weiter der Malerei zu widmen, aber auch Ausstellungen auf die Beine zu stellen oder einen Hof als Gnadenhof aufzubauen. Und ich könnte mir auch vorstellen, vielleicht Ferienangebote mit Kindern zu realisieren. Auf jeden Fall fühlt es sich für mich richtig an, mehrere Dinge parallel zu machen. Das werde ich in einigen Jahren wohl auch so handhaben.
Hast du einen Tipp für andere Kultur- und Kreativschaffende in Sachsen-Anhalt?
Mein wichtigster Tipp ist, einfach mit kleinen Schritten anzufangen. Das Ziel sollte nie zu groß gesetzt werden. So ist man eher gepusht, weiterzumachen. Man braucht natürlich eine kreative Idee, aber ich glaube, um produktiv sein zu können, muss man kontinuierlich kleine Schritte machen.