Sebastian Plessner ist in einem Forstbetrieb aufgewachsen und hat schon als Kind gelernt, wie verletzlich der Wald ist. Heute ist er Geschäftsführer von Zimmerwald, einem Start-up in Magdeburg, das heimische Bäume zeitweise in deutsche Wohnzimmer bringt, bevor sie ausgepflanzt werden. Was als „botanisches Hobby“ begann, ist bereits ein preisgekröntes Unternehmen. Ein Gespräch über Generationenverantwortung, wissenschaftliches Arbeiten und die Sehnsucht nach Naturverbundenheit.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Bäume als Zimmerpflanzen zu verkaufen?
Sebastian Plessner: Die Idee entstand aus der Notlage des Waldes, die wir seit 2018 beobachten. Ich bin in einem familiären Forstbetrieb aufgewachsen und konnte dank meines Vaters früh im Wald arbeiten und dazulernen. Als 2018 schwere Stürme und später Dürre und Borkenkäfer massive Schäden anrichteten, wurde mir klar: Der Zustand und das Leben des Waldes sind vielen Menschen unbekannt. Der Wald wird nur punktuell relevant, bei Wanderungen oder wenn die Bahn wegen umgestürzter Bäume ausfällt. Das wollte ich ändern.
Auf die konkrete Idee mit den Zimmerbäumen bin ich mit Blick auf unsere Zimmerpflanzen zu Hause gekommen. Auf einmal lag die Frage nahe, warum das eigentlich exotische Pflanzen sind und keine Bäume. Wir haben dann mit ersten Tests begonnen und Eicheln und Walnüsse zur Keimung gebracht. Weil die Indoor-Anzucht gleich sehr gut funktionierte, machten wir mit anderen Baumarten weiter – teils aus Saatgut, teils als Setzlinge. Bis 2022 blieb das ein privates Projekt, ein kleines ‚botanisches Hobby‘. Ein Freund brachte die Initialzündung, das Ganze als Start-up zu denken. Damit begann 2025 die eigentliche Reise.
Wie funktioniert das konkret? Ich bestelle einen Baum, er kommt zu mir nach Hause – und dann?
Der Prozess ist denkbar einfach. Nach der Bestellung erhältst du einen unserer Bäume, beispielsweise eine Edel-Kastanie oder einen Ginkgo, sicher verpackt und klimaneutral nach Hause geliefert. Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Zimmerpflanzen: Er bleibt nicht für immer im Topf. Du begleitest ihn in seiner ersten Phase, im Schnitt drei bis fünf Jahre. In dieser Zeit bringt er den Wald ins Wohnzimmer und reinigt deine Luft.
Die Pflege unterscheidet sich ein bisschen vom klassischen Gießen: Das Wichtigste bei unseren Bäumen ist die Besprühung mit Wasser – mindestens zweimal täglich. Falls du eine längere Zeit nicht zu Hause bist, ist das aber auch kein Problem. An einem geschützten Ort hält der Baum bis zu drei Wochen auch mal ohne Pflege aus. Bei der Bestellung kommt eine ausführliche Pflegeanleitung mit.
Sobald der Baum zu groß wird, kannst du ihn in deinen Garten pflanzen, oder wir finden mithilfe unserer Kooperationspartner einen Ort in deiner Nähe – in einem Wald, Stadtpark oder an einem Platz. Der Topf bleibt bei dir, und du kannst dir einen neuen Baum mit frischem Substrat bestellen. Bei der Auspflanzung zeigt sich der größte Vorteil: Unsere Bäume sind winterhart und ermöglichen durch kontinuierliches Wachstum weitreichende CO₂-Bindung und Biodiversitätsleistungen. Eine positive Bilanz im Vergleich zu exotischen Zimmerpflanzen.
Wie sieht eure Zusammenarbeit mit Förstern, Städten und Unternehmen aus?
Die Zusammenarbeit funktioniert vor allem über unser Kooperationsnetzwerk. Wir haben mittlerweile einige Verträge abgeschlossen und bieten Förstern, Städten und Unternehmen an, Bäume aufzunehmen, die Kunden nicht selbst auspflanzen können, etwa weil der Garten fehlt. Das betrifft bisher etwa die Hälfte der Bäume.
Wir klären natürlich genau vorher ab, welche Baumarten ausgepflanzt werden dürfen und welche Herkunft sie haben müssen. Wir achten auf Standortgegebenheiten und Umweltbedingungen für die jeweilige Baumart. Für die Kooperationspartner ist der Baum kostenlos, sie kümmern sich nur um Abholung und Pflanzung, wobei wir meist auch unterstützen.
Die liebevoll aufgezogenen Bäume gehen so an die Gemeinschaft über. Inzwischen haben wir schon Partner von der niederländischen Grenze bis Berlin und von der Ostseeküste bis Thüringen. Für weitere Partner sind wir immer offen.
Ihr nennt euch einen „Generationenvertrag für die Natur“ – was meint ihr damit?
Ein Baum lebt in anderen zeitlichen Dimensionen als wir Menschen. Wenn wir heute eine Eiche pflanzen, tun wir das nicht primär für uns selbst, sondern für unsere Kinder und Enkelkinder. Das ist der Kern des nachhaltigen Denkens, mit dem ich aufgewachsen bin.
Mit Zimmerwald machen wir diesen abstrakten Vertrag greifbar: Wir übernehmen heute Verantwortung, ziehen den Setzling voller Hingabe groß und schützen ihn in seiner empfindlichsten Phase, damit er später, wenn wir vielleicht nicht mehr sind, als starker Baum Sauerstoff produziert, Schatten spendet und Lebensraum bietet. Wir pflanzen für morgen.
Auch weitere Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Durch Kooperationen mit Universitäten und Schulen können wir der jüngeren Generation zeigen, was der Wald alles kann. Wenn wir der Jugend heute wieder Bildung aus der Natur nahebringen, können wir einen Systemwechsel schaffen, eine Generation, die sich aktiv um den Wald kümmert.
Warum habt ihr Zimmerwald in Magdeburg gegründet?
Magdeburg ist für meinen Co‑Gründer Enrico und mich eine zweite Heimat geworden. Durch mein Studium an der Otto-von-Guericke-Universität habe ich hier ein starkes Netzwerk aufgebaut. Die Unterstützung der Gründerszene ist hervorragend, von den Wirtschaftsjunioren über die Future Forest Initiative bis zur IMG Sachsen-Anhalt.
Magdeburg bietet Offenheit für neue Projekte und eine gute Diskussionsgrundlage mit anderen Start-ups, aber auch etablierten Unternehmen. Zudem liegt die Stadt sehr zentral in Deutschland, was für den Versand logistisch vorteilhaft ist. Die Nähe zu betroffenen Waldgebieten im Harz spielt eine emotionale und praktische Rolle. Und die Miete in einem Co-Workingspace inklusive Werkstatt und Außenanlage ist bezahlbar, in Berlin oder München sieht das ganz anders aus.
Sachsen-Anhalt hat viel Wald, viel Natur, eine starke Landwirtschaft. Ist das ein Vorteil für ein Unternehmen wie Zimmerwald?
Absolut. Wir haben hier viele einzigartige Naturräume, Landschaften und Wälder. Aber auch die Probleme des Waldes sind deutlich sichtbar: Wer einmal durch den Harz gewandert ist und die abgestorbenen Fichtenbestände gesehen hat, versteht sofort, warum wir tun, was wir tun. Dieses visuelle Mahnmal motiviert uns täglich.
Gleichzeitig profitieren wir von der starken land- und forstwirtschaftlichen Kompetenz in der Region. Wir haben Partner für Bodenanalysen gefunden, im Forstnetzwerk und natürlich für Flächen zur Auspflanzung. Die Verbundenheit der Menschen zur Natur ist in Sachsen-Anhalt spürbar, das hilft bei Akzeptanz und operativer Umsetzung. Gleichzeitig möchten wir der Region auch etwas zurückgeben.
In einer von Technologie getriebenen Welt wirkt Zimmerwald wie ein Gegenstück zur Hektik – seht ihr das auch so?
Ja, definitiv. Wir sehen uns als Ruhepol. Ein Baum wächst nicht schneller, nur weil wir es wollen oder eine App bedienen. Er lehrt uns Geduld und Achtsamkeit. Viele Kunden schreiben uns, dass die Routine des Besprühens für sie ein fester Tagesbestandteil geworden ist. Nicht nur dem Baum tut es gut, sondern es bringt auch Achtsamkeit ins eigene Leben.
Dennoch verteufeln wir Technologie nicht. Wir nutzen KI und Datenanalysen zur Produktoptimierung und arbeiten an neuen Sensoren. Aber das Produkt selbst, das Erlebnis, ist pure Entschleunigung und Naturverbundenheit.
Welcher Philosophie folgt ihr?
Unsere Unternehmensphilosophie basiert vollständig auf den drei Säulen der Nachhaltigkeit. Für jede strategische und taktische Unternehmensentscheidung führen wir eine Nachhaltigkeitsanalyse hinsichtlich Ökologie, Ökonomie und Sozialem durch. Das führt dazu, dass nicht nur unsere Produkte, sondern auch unser Unternehmen nachhaltig agieren und wachsen kann.
Unser eigentliches Ziel ist die Stärkung der Verbindung zwischen Gesellschaft und Natur. Unsere Philosophie lautet: „Den Wald zu den Menschen bringen, um die Menschen wieder zum Wald zu bringen.“ Wir glauben, dass man nur schützt, was man kennt und liebt. Indem wir die Trennung zwischen „drinnen“ und „draußen“ aufheben, schaffen wir ein neues Bewusstsein.
Ihr seid noch ein sehr junges Unternehmen – wie soll es in den kommenden fünf Jahren idealerweise weitergehen?
Idealerweise ist Zimmerwald in fünf Jahren der Standard für nachhaltige Zimmerbepflanzung und grünes Wohnen. Wir möchten unsere Artenvielfalt erweitern und noch mehr heimische und und klimaresiliente Baumarten in die Wohnzimmer bringen. Technologisch wollen wir unsere Datenbasis so weit ausgebaut haben, dass wir die Anwachsraten bei der Auswilderung noch weiter optimieren können.
Aber das wichtigste Ziel bleibt der Impact: Wir wollen hunderttausende Bäume, die bei unseren Kunden gestartet sind, in gesunden, klimastabilen Mischwäldern wachsen sehen. Wenn wir einen messbaren Beitrag zur Wiederbewaldung geleistet und genug Menschen erreicht haben, die gemeinsam den deutschen Wald wiederaufforsten, dann haben wir unser Ziel erreicht.