Sebastian Meinecke über Urwahn, den Concept Store im Magdeburger Hundertwasserhaus und innovative Mobilität aus Sachsen-Anhalt
Sebastian Meinecke ist Gründer und CEO von Urwahn Engineering GmbH, einer Magdeburger Fahrradmanufaktur, die mit 3D-Druck, regionaler Produktion und einem ganz eigenen Verständnis von Nachhaltigkeit neue Wege geht. Im Frühjahr 2025 eröffnete Urwahn einen zweiten Concept Store – in der Grünen Zitadelle, dem Hundertwasserhaus in Magdeburg.
Ein Gespräch über organische Architektur, Einzelhandel 2.0 und die Frage, was Sachsen-Anhalt für innovative Unternehmen zu bieten hat.
Ein Concept Store in der Grünen Zitadelle von Magdeburg: Was hat dich an diesem Ort gepackt?
Sebastian Meinecke: Ich bin seit 2008 in Magdeburg und das Hundertwasserhaus hat mich von Anfang an fasziniert. Diese Architektur bringt eine bewusste Andersartigkeit mit – Hundertwasser wollte das Organische mit dem Gebauten verbinden und mit Konventionen brechen. Diese abnormale Asymmetrie, der Anspruch, die Natur zurück in den Ballungsraum zu holen. Die Fassaden sind bewusst angeraut, damit sich Moose ansiedeln können. Ein architektonisches Ökosystem.
Das passt perfekt zu Urwahn. Wir wollen in solchen kreativen Sphären neuartige Konzepte platzieren. Dazu kommt die prominente Lage. Insofern war es ein No-Brainer, weil Urwahn selber, wie der Name verrät, mit Konventionen bricht. Nicht um des Andersseins willen, sondern weil es sinnvoll ist.
Von der Idee des Concept Stores 2024 in Hamburg bis zur Eröffnung 2025 in Magdeburg – was musste passieren, damit aus einer Vision diese ganz konkrete Markenwelt im Hundertwasserhaus wurde?
Eine spannende Geschichte – und ein bisschen Zufall. Über Markenwelten im stationären Handel, die über Experience funktionieren, grüble ich schon seit zwei, drei Jahren. Nach der Eröffnung in Hamburg war klar: Das Konzept wollen wir auch hier in Magdeburg umsetzen.
Dann kam der Zufall: Wir hatten eine Flyerkampagne geschaltet und einer dieser Flyer landete im Briefkasten des Hundertwasserhauses. Daraus wurde ein Anruf, wir haben gepitcht – und es passte perfekt. Die wollten das Thema Mobilität weiterführen, aber nicht als klassischen Fahrradladen, sondern als Experience. Und die haben wir ganz gut hinbekommen.
Was kann man im Concept Store erleben, das über den klassischen Fahrradkauf hinausgeht?
Wir schaffen einen Place to be, wo es nicht ums Konsumieren geht, sondern um Aufenthalt. Im klassischen Einzelhandel wird man an der Türschwelle zum Kaufen eingeladen. Wir schaffen einen Raum zum Entdecken – ohne Kaufdruck.
Im Mittelpunkt steht Urwahn, aber wir reichern das an: Kunst von Atelier 14 und Zum Heimathafen. Kaffee von der Magdeburger Rösterei Kröm. Wein von Basta mit Sommelier David Zibold. Dazu gibt es auch Events.
Das Ergebnis ist ein Hotspot, der Mobilität, Lifestyle und Kreativität zusammenbringt und unterschiedliche Zielgruppen anspricht. Bei den Partnern war uns lokale Verankerung wichtig. Nachhaltigkeit heißt für uns auch, mit regionalen Akteuren ein Ökosystem zu schaffen, das Impact hat. Der klassische Fahrradkauf? Steht auf der Seitenlinie.
Du sagtest einmal, dass viel am Konsumenten vorbei entwickelt wird. Was macht ihr bei Urwahn anders?
Wir entwickeln nach dem Prinzip Integrated Design Engineering – uns ist es am wichtigsten, bereits in einer sehr frühen Phase den Menschen in den Mittelpunkt zu setzen: Wie muss ein Produkt funktionieren? Wie wird es benutzt? Gleichzeitig bringen wir unsere eigene Verantwortung und Perspektive mit ein.
Das zweite Axiom ist Interdisziplinarität. Wir veranstalten Kundenkliniken, stellen in Beratungen Fragen, die uns Rückführungen geben. Diese Datenströme führen wir auf Brand-, Product- und Prozessebene zurück.
Konkret heißt das: Wir sind nicht der Absatztreiber, sondern der Individualist. Wir analysieren jeden Menschen und satteln nach seinen Bedürfnissen auf. Die Experience endet nicht beim Kauf – wir haben eine eigene Servicelinie: Quick Response Manufacturing, ständige Kommunikation, stetige Optimierung. Wir sind immer im Flow.
Du produzierst seit acht Jahren bewusst in Magdeburg. Was macht Sachsen-Anhalt für innovative Unternehmen attraktiv – und was würdest du anderen Gründerinnen und Gründern über den Standort sagen?
Ohne Sachsen-Anhalt, ohne Magdeburg wäre ich nicht so weit gekommen. Ich bin mit Vorgründungsphase seit zehn, elf Jahren dabei.
Die Faktenlage ist super: Zentrale Lage in Deutschland, logistisch top angebunden – Autobahn, Seeweg, Luftzugang. Als Underdog haben wir günstige Mieten, gute Gewerbesätze, keine langen Schlangen bei Förderinstrumenten. Man hat hier Luft zum Atmen und kann sich schnell verbreitern. Hier wird einander geholfen. Man hat noch ein Gesicht, ist auf Augenhöhe. Das gibt’s nicht überall – ich war lange in Berlin, kenne Hamburg. Wir haben Luft nach oben, was viele Städte nicht mehr haben.
Allerdings: Die Kreativkultur kommt in der Außendarstellung noch zu kurz. Für uns ist es deshalb auch eine Aufgabe, die Vielfalt, die hier vorhanden ist, sichtbarer zu machen und zu zeigen, was Sachsen-Anhalt in der Kreativszene wirklich zu bieten hat.
Wenn 2030 jemand durch Magdeburg radelt und am Hundertwasserhaus vorbeifährt – was soll diese Person über Urwahn, über den Concept Store, über die Stadt und über innovative Mobilität aus Sachsen-Anhalt denken?
Ich bin jemand, der im Hier und Jetzt lebt – auch wenn meine Gedanken in Bezug auf Business in die Zukunft schweifen. Ob wir 2030 noch im Hundertwasserhaus sind? Das sei dahingestellt.
Wichtiger ist: Was tun wir für Magdeburg und Sachsen-Anhalt? Das Stichwort ist Smart Bike Factory. Wir wollen zeigen, dass man im Sektor Mobilität andersartig produzieren kann – durch Vernetzung, durch Zusammenarbeit, durch die Möglichkeiten, die dieser Standort bietet. Ein Ökosystem, in dem wir mit Partnern die innovative Mobilität von morgen formen. Dafür wollen wir einstehen und der Region etwas zurückgeben.